New York. Gegen 6.30 Uhr passierte die AIDAluna die Freiheitsstatue. Große Gefühle. Kafkas „Amerikaner“ Karl Rossmann fiel mir ein. Einst war New York das Eingangstor in die Neue Welt. Schon um 5 Uhr morgens kam der Lotse an Bord, seitdem waren wir wach. Nebel und Dunst lag über der Skyline von Manhattan. Das gab der sowieso schon dramatischen Szenerie einen surrealen Aspekt dazu. Das ganze Schiff war auf den Beinen. Sekt machte die Runde. Als die Liberty näher kam, versagte meine Kamera. Mit der zweiten rettete ich den Moment für die Ewigkeit… Na ja.
Dann langes Frühstück. Vor 8 Uhr durften wir das Schiff nicht verlassen. Mir fiel einmal mehr auf, dass Männer fast immer Rühreier mit Speck essen und Frauen Marmelade und Honig. Die meisten. Gaby protestiert, als ich diese Beobachtung preis gebe, sie esse zum Frühstück Rühreier, aber auch Marmelade und Honig… Na gut.
Nach einer kurzen Grenzkontrolle betraten wir zum zweiten Mal auf unserer Reise amerikanischen Boden… Heute ließen wir uns treiben, morgen geben wir unserem zweiten New-York-Tag eine Struktur – drei Museen… Am Mittwoch „übernimmt“ uns Christoph Keller, ein aller Freund aus St. Gallen, ich erwähnte ihn bereits.
Etwas muss ich nachtragen: den gestrigen Abend. Abschieds-Dinner (mit Lobster) und Abschiedsparty mit Laser-Show, Musikperformances und Tanz (und mit Cocktails, Bier und guter Laune). Rainer kannte die Show des AIDA-Ensembles. Die hat er bereits bei einer Nordland-Rundfahrt gesehen. Also Retorte. Und auch das gehört zum Ritual: Die Crew, an der Spitze der Kapitän, betreiben Statistik. Also:
Wir (ca. 2700 Seelen, Crew und Gäste) haben während unserer Fahrt von Hamburg nach New York (mit Deutschland) 6 Länder besucht (Schottland, Island, Grönland, Kanada, Amerika); dabei 8056 Kilometer (km) zurückgelegt; mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 28,5 km (Höchstgeschwindigkeit bei 37,8 km); 8000 Kubikmeter Wasser und 1.120 Tonnen Diesel verbraucht (was einem Pro-Kopf-Verbraucht von ca. 5,3 Liter auf 100 km entspricht).
Club-Direktor Harald Bernberger hatte noch einige andere Zahlen parat:
Wir haben 225 Kilogramm Spaghetti verbraucht, 2,8 Tonnen Kartoffeln, 6 Tonnen Mehl, 6,5 Tonnen Fisch, 13,3 Tonnen Fleisch und Wurst, 18,2 Tonnen Gemüse und Salate, 34.00 Eier, 20,8 Tonnen Obst, 16.000 Liter Bier, 8,4000 Liter Weiß- und 9.600 Liter Rotwein 1 640 Liter Kaffee und 6500 Pizzen und 8.300 Rollen Toilettenpapier…
In diesen gut zwei Wochen wurden 33.648 Betttücher abgezogen, gewaschen, gebügelt und zusammengelegt; dazu 89.366 Handtücher gewechselt bzw. gewaschen und gebügelt…
Ich habe nicht alle Zahlen mitgeschrieben, Bernberger hat auch nicht alle genannt – wie viel Putzmittel wurde verwendet, Waschpulver für die Wäsche, wie viel Abfall haben wir produziert, wie viel Emissionen verursacht… Und wie viel Stunden haben wir der Crew Arbeit gemacht, nur eine Minorität ist uns unter die Augen gekommen, die drunten im Schiffsbau sind uns verborgen geblieben. Sehr wahrscheinlich wäre da die eine oder andere Sozialstudie zu schreiben gewesen… Und dieser Blog, den ich jetzt beende, ist auch nicht mein letztes Wort. Im SÜDKURIER wird noch eine Reportage über diese Reise erscheinen.
Aber ich will nicht klagen. Wir hatten zwei erfahrungsreiche und dabei erholsame Wochen auf See, sprich: auf einem Clubschiff. Wir waren Ersttäter bei der Kussmundflotte. Und jetzt träumen wir schon von einer nächsten Kreuzfahrt…
Abschließend habe ich zu danken: Meinem Kollegen Markus Bechtold, der meine Texte, die ich nächtlich von der AIDAluna an die Online-Redaktion sandte, bearbeitete und ins Netz stellte. Meinen Konstanzer Mitreisenden Rainer, Gaby und ihren beiden Kindern Andy und Anja, dass sie es ertrugen – wie auch meine Frau - , immer wieder ins Spiel gebracht zu werden… Ich hoffe, nicht zu viel verraten zu haben… Und zugleich meine LeserInnen nicht gelangweilt zu haben.
Von Bar Harbour nach New York: Unser Clubschiff verließ gestern um 20 Uhr den Hafen des Inselstädtchens, morgen früh um 8 Uhr – und keine Minute früher, wie Kapitän Sven Gärtner durchsagte, da man sonst die Nachtschicht der Hafenarbeiter bezahlen müsse - legen wir am Pier 88 in Manhattan an.
Eine gewisse Nervosität ist unter den Gästen spürbar. Einige haben schon ihre Koffer gepackt, wie wir am Frühstückstisch mitkriegten. Dabei werden wir erst am Dienstag, 14. September, um 9.00 Uhr rausgeschmissen – das Gros der Reisenden fliegt noch am gleichen Tag zurück in die Heimat; etwa 80 Gäste bleiben an Bord, sie haben die anschließende Amerika-Tour gebucht; einige andere, wie meine Frau und ich, haben auf eigene Faust ein paar Tage New York drangehängt. Wir fliegen am Freitag nach Zürich, von dort aus mit dem Zug nach Konstanz…
Neben der Nervosität macht sich aber auch Trauer breit. Der lange geplante und herbeigesehnte Urlaub ist fast vorbei. Wir haben auf dieser Kreuzfahrt viele wunderbare Eindrücke gewonnen und ebenso viele Begegnungen gehabt. Gerne würden wir an Bord bleiben und, um noch einmal Ryszard Kapuscinski zu bemühen, einfach so „dahintreiben“…
Ein „reiner“ Seetag auf der AIDAluna bedeutet Erholung pur. Während ein Teil unserer Gruppe sich bei Spinning auf dem Trockenrad quälte und einmal mehr Bauch, Beine und Po trainierte, verbrachte ich bei angenehmen Temperaturen einige Stunden auf der Liege auf dem Sundeck, schaute auf das Wasser – immer in der bizarren Hoffnung, dass sich ein Wal zeigt, oder wenigstens ein Delphin, die Hoffnung starb unerfüllt -, las weiter in Bronskys packendem pikareskem Roman „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“, dem ich viele LeserInnen wünsche, oder döste ein wenig vor mich hin. Ich fühlte mich noch ein wenig geschwächt, gestern ging es mir nicht gut, da hatte ich die Sorge, krank zu werden. Aber Gaby gab mir ein Pülverchen und das vertrieb die sich abzeichnende Erkältung über Nacht auf wundersame Weise. Krank in einem New Yorker Hotel – nein danke.
Wir haben noch keinen konkreten Fahrplan für die nächsten Tage in dieser glamourösen Stadt. Am Mittwoch und am Donnerstag werden wir Christoph Keller treffen. Er lebt seit über zehn Jahren mit seiner amerikanischen Frau Jane in New York. Christoph ist Schriftsteller, in St. Gallen gebürtig. Er hat unter anderem in Konstanz studiert, von der Uni her kenne ich ihn. Wir behielten lockeren Kontakt, ab und zu schrieb er Rezensionen für den SÜDKURIER. Christoph sandte uns 2001 auch einen Beitrag über die Alkaida-Attacke auf die beiden Türme. Der Text erschien nur wenige Tage nach „Nine Eleven“ im Kulturteil meiner Zeitung. Ein ergreifender Text, Literatur und Dokument zugleich.
Christoph leidet – wie seine beiden Brüder – an Multipler Sklerose. Als ich ihn kennen lernte, konnte er noch selbständig gehen; später erlebte ich ihn mit einem Gehstock, schon lange braucht er den Rollstuhl, um sich fortzubewegen.
Am Tag des Anschlags war er allein in der Wohnung, die keine zwei Kilometer von den Twin Towers lag. Jane arbeitet als Professorin für „Creativ writing“ an einer Uni im State New York, sie war zu dem Zeitpunkt unterwegs. Aus der Live-Berichterstattung der Fernsehsender erfuhr Christoph von der Katastrophe vor seiner Türe und geriet in Panik – ohne fremde Hilfe konnte er weder sein Bett, noch die Wohnung verlassen… Der Text erinnert an mancher Stelle an Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“, in der ein gewisser Gregor Samsa eines Morgens in seinem Bett als Käfer auf dem Rücken liegend erwachte. Eine surreale Situation.
Christoph Keller hat seine bewegende Lebens- und Familiengeschichte in dem Roman „Der beste Tänzer“ niedergeschrieben. Er las daraus vor einigen Jahren in Konstanz, ich durfte die Moderation machen. Christoph jammert nicht über seine Krankheit, er ist ein unglaublich positiv denkender Mensch. Ich bewundere ihn dafür. Schreiben ist für Christoph Medizin und Therapie zugleich. Man darf ihm alles nehmen, nur nicht die Möglichkeit zu schreiben. Es gibt inzwischen Übersetzungen seiner Prosa ins Amerikanische. Aber für den US-Markt sind seine Texte zu intellektuell, um wirklich erfolgreich zu sein. Im deutschen Sprachraum braucht es die Präsens eines Autors, um gelesen zu werden, was Christoph nicht mehr leisten kann. Die regelmäßigen Besuche bei der Mutter im hübschen Haus in St. Gallen hat er in diesem Jahr gestrichen – mangels Mobilität.
Wir freuen uns auf ihn und auf Jane. Er hat für uns ein kleines Programm zusammengestellt, eine Alternative zum großen Tourismus, wie er in einer E-Mail schrieb…
AIDA bietet auch für die Gäste etliche Ausflüge in die Metropole an. Was mich dabei etwas erschreckt, sind die hohen Preise. Wir haben sämtliche Ausflüge, die wir während der Fahrt machten, selbst organisiert - und sind damit billiger gefahren. Eine Fahrradtour, die wir gerne mit AIDA gemacht hätten, war leider bereits ausgebucht.
Die hohen Preise sind keine Schikane. Bei anderen Anbietern sieht das nicht anders aus. Die Kreuzfahrtunternehmen brauchen diese Einnahmen, damit die Kalkulation des Gesamtpakets stimmt. Denn auch Reedereien waren/sind von der Wirtschaftskrise betroffen. Landauf, landab tobt (immer noch) ein erbitterter Preiskampf. Die größten Reedereien der Welt sind in den USA daheim, und dort ist die Nachfrage seit der Krise abgestützt. Den Amerikanern fehlt das Geld für den Urlaub auf See. Mit Spezialangeboten gehen die Unternehmen gegen leere Kabinen vor – und versuchen das verlorene Geld mit Nischenprodukten wie Ausflüge, Wellnessangebote, mit Videos, Glücksspielen, Coctails usw. wieder reinzuholen.
Eine Nachricht aus Deutschland, die ich heute der Bord-Zeitung entnahm, hat mich erschüttert (Fernsehen empfangen wir nur noch über Deutsche Welle). Der ehemalige Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch hat sich gemeinsam mit seiner Frau Helga das Leben genommen. Beide seien schwer krank gewesen, gibt die Tochter als Grund an. Und alt…
Mich erinnerte die Nachricht an eine Erzählung von Botho Strauss. Ich glaube sie steht in dem Band „Paare und Passanten“ (ich will es aber nicht beschwören). Strauss erzählt darin von einem älteren Ehepaar, das eine Reise nach Island antritt. Es sieht zunächst so aus, als wollte das Paar in diesem - in den Wintermonaten unwirtlichen - Land Urlaub machen. Sie treffen auf der Insel ein, sie lassen sich in das Hotel bringen und sie essen am Abend festlich. Anschließend verabschieden sich beide freundlich zur Nachtruhe. Am nächsten Morgen werden sie tot in ihrem Zimmer aufgefunden… Alles nur Literatur?
Vor zwei oder drei Jahren hat sich der französische Philosoph Andre Gorz ebenfalls auf diese Weise gemeinsam mit seiner kranken Frau aus dem Leben verabschiedet. In einem posthum veröffentlichten „Brief an D.“ machte er ihr eine Liebeserklärung, wie ich sie bis dahin nirgends gelesen habe… - Woher diese (meine) Sentimentalität?
Leute: Franziska, unser Topmodel, hat sich gestern bei einer Crew-Party geoutet – als Taufpatin der AIDAluna. Alle an Bord wissen das jetzt. Und heute gab sie dem Bord-Fernsehen ein Interview. Die (wenig vorbereitete) Moderatorin stellte dumme Fragen und blickte in die Kamera und an ihrer Gesprächspartnerin vorbei, so wie früher Olli Kahn, wenn er den Sportreportern Rede und Antwort stand. Gegen alle Knigge so etwas. Franziska war nervös, aber ehrlich. Die Kreuzfahrt habe sie ein wenig gestresst – so viele Menschen, so viel Action. Ein wenig sehne sie sich jetzt nach Berlin, ihrer Wahlheimat. Dort können sie dann in Ruhe die Füße auf den Tisch legen und Fernseher sehen… Komische Zeiten, nicht wahr?
Am Abend Farewell-Dinner – mit Lobster… Anschließend Party auf dem Sundeck - und das wenige Stunden vor New York…
Bar Harbor. Blauer Himmel. Seit acht Uhr morgens liegt die AIDAluna auf Reede. Es wird bald halb zehn Uhr, als wir das Schiff verlassen können – wir sind in den USA, die Passkontrollen gestalten sich (traditionsgemäß) etwas schwieriger als in Kanada oder zuvor in Grönland… Und heute ist zudem ein besonderer Tag: Vor neun Jahren starben mehrere Tausend Menschen bei einer Attacke islamischer Terroristen in New York und in Washington. Auch die US-Zollbeamten auf der AIDAluna legten eine Minute des Schweigens ein. In Bar Harbor wurde vor offiziellen Gebäuden auf Halbmast geflaggt…
Bar Harbor ist der bedeutendste Ort auf Mount Desert Islands. Die Insel(n) wurden bereits vor 5000 Jahren von den Abnaki-Indianern bewohnt. Die Hafenstadt liegt im Nordosten der der größten Insel vor der Küste des nordamerikanischen Staates Maine und gehört zur Region Neuengland. Der Ort zählt etwa 6000 Einwohner, wobei sich das Stadtgebiet auf eine größere Fläche verteilt. Bar Harbor ist ein beliebtes Sommerferienziel. Bis zu sechs Millionen Gäste besuchen den Ort und die Insel. Ursprünglich trug der gesamte Ort den Namen Eden, zum Ferienparadies haben ihn die Rockefellers und Fords in den Anfängen des 19. Jahrhunderts gemacht. Bis dahin fristete der Ort ein beschauliches Dasein als Fischerhafen. Rund 200 extravagante Villen, so genannte „Cottages“, entstanden in dieser Zeit. Die meisten hat zwar ein zehn Tage andauernder Großbrand im Jahre 1947 vernichtet, doch einige der prachtvollen, im viktorianischen Stil erbauten Feriendomizile jener goldenen Zeiten sind erhalten geblieben. Auch die Villa der Fords.
Mich erinnerte Bar Harbor ein wenig an das sommerliche Meersburg am Bodensee. Nicht etwa wegen einer vergleichbaren Architektur – Bar Harbor besteht zum größten Teil aus bunten Holzhäusern -, sondern wegen der überaus gut besuchten Cafés, Restaurants – die alle Lobster auf der Karte haben, wir sind hier im Lobster-Land -, und Geschäften mit „Gifts“, die eigentlich kein Mensch braucht. Dank der AIDAluna waren die amerikanischen Touristen an diesem Tag in der Minderheit. Die erste Sprache in der Main Street, der Flaniermeile von Bar Harbor, war deutsch. Auch eine Form der Landnahme…
Rainer hatte einen Ausflug durch den Acadia Nationalpark beim hiesigen Veranstalter „National Park Tours“ gebucht: „3 Stops, including The Top of Cadillac Mountain“, versprach der Prospekt. Wir nahmen mit zwei Dutzend Amerikanern in einem etwas altertümlichen Bus Platz. Roger, unser Fahrer, ein kleiner, korpulenter Mann Anfang 60, dessen Sohn im bayerischen Schweinfurt als Soldat Dienst schiebt, war auch unser Guide. Während er die Hauptattraktion, eine 30 Kilometer lange Rundstrecke durch den Park abfuhr, redete er uns gestenreich das Ohr ab. Dass er dabei gelegentlich auch die Hände in die Luft streckte und der Bus ohne Führung war, hat nicht nur mich beunruhigt.
Aber dieser Roger, Einheimischer in der achten Generation, Vater von drei Kindern, wieder Single, im früheren Leben auch als LKW-Fahrer unterwegs gewesen, kennt jeden Meter dieser Strecke, jeden Winkel, hinter dem sich ein Biber-Bau verbirgt oder eine Aussicht auf ein großartiges Panorama ergibt. Was unser Roger da unter dem Beifall seiner amerikanischen Leute ablieferte, war nicht nur eine gewöhnliche Führung durch einen der meistbesuchten Nationalparks der Vereinigten Staaten, sondern Entertainment pur. Bisweilen erzählte er Jokes, die mit dem, was wir da sahen, nichts mehr zu tun hatten. Ich gebe zu: Nach zehn Minuten konnte (und wollte) ich dieser Quasselstrippe nicht mehr folgen; meinen Konstanzer Mitstreiten erging es ähnlich. Soweit das möglich war, konzentrierte ich mich auf die Landschaft - soweit das aus der Bus-Perspektive möglich ist.
Der Nationalpark trägt die gesamte Schönheit der nordamerikanischen Küste in sich. Da hatte Roger recht, als er uns noch vor der Fahrt eine kleinen Einführung gab. Eiszeit und Gletscher haben hier nur allzu deutlich ihre Spuren hinterlassen. U-förmige Täler, rund geschliffene Gebirgsrücken, schroffe Felsenküsten sowie Berge und Gletscherseen vereinigen sich zu einem grandiosen Landschaftsbild – wobei mich die Prinz-Christian-Sund-Passage auf dem Weg nach Grönland von sich mehr eingenommen hat. Hier gibt es mit dem Somes Sound sogar den einzigen Fjord an der Ostküste Amerikas.
Das Herzstück des Parks – und für uns einer von drei Stopps - ist die Sieur de Monts Spring Area. Hier befindet sich das Nature Center und eine Filiale des Abbe Museums. Außerdem beginnen an dieser Stelle einige der historischen Wanderwege. Insgesamt bietet der Park etwa 250 Kilometer Wanderwege, auf denen man in fast alle Teiles des Gebietes gelangt. Und dank John D. Rockefeller gibt es auf Mount Desert Island rund 92 Kilometer autofreie, historische Kutschenwege, die sich um Gletscherseen der Hügel winden. Früher waren die Carriage Roads ausschließlich Pferdegespannen vorbehalten. Heute dürfen Besucher darauf auch mit dem Fahrrad fahren und natürlich wandern.
Vom Champlain Mountain-Aussichtspunkt hat man zwar einen herrlichen Blick auf die östliche Küste und Bar Harbor, doch der höchste Berg mit seinen 466 Metern ist der Cadillac Mountain - unser zweiter versprochener Stopp. Damit ist der Cadillac gleichzeitig die höchste Erhebung an der Ostküste der USA. Über vier verschiedene Wanderwege kann man den Berg erklimmen, der ebenfalls einen fantastischen Panoramablick bietet. Oder mit dem Rad – eine schweißtreibende Angelegenheit, wie wir bei einem amerikanischen Ehepaar beobachten konnten. Auf ein täglich wiederkehrendes Ereignis sind die Insulaner besonders stolz, wie Roger meinte. Denn auf dem Gipfel des Cadillac Mountain beginnt der Tag. Hier erreicht das erste Licht des Tages amerikanischen Boden…
Die wohl stärkste Attraktion – unsere letzte Station - dröhnt am Thunder Hole. In der schmalen Kluft erzeugen die Wellen bei Flut oder bei starkem Wind ein unüberhörbares Gedonner, wenn sie an die Felswände klatschen…
Mir bekam die kurvenreiche Fahrt mit dem Bus nicht. Eine leichte Übelkeit befiel mich. Eine Tasse Tee an Bord der AIDAluna und es ging mir etwas besser. Nur nicht krank werden, so kurz vor dem Ziel. Auf den obligatorischen Lobster, auf den uns Roger einzuschwören versuchte, verzichteten wir. Mir war gar nicht danach. Seafood aus Maine genießt Kultstatus, las ich in den Hafeninfos. Mit seinen tiefen kalten Wassern garantiert der Golf von Maine für Frische und Qualität. Beim Genuss von Hummer muss es nicht immer extravagant zugehen. In den einfachen Imbissbuden, die es auch im exklusiven Bar Harbor gibt, wird der Hummer ohne viel Schnickschnack nur mit zerlassener Butter serviert… Gaby und Rainer erzählten, dass am letzten Abend der Kreuzfahrt Lobster serviert werde. Wir schauen vorwärts: nach dem Hummer und nach New York…
P. S.: Auf einer der Inseln soll auch Stephen King, amerikanischer Erfolgsautor, ein Haus haben. Wenigstens behauptete das Roger, der übrigens am Ende der Fahrt unverschämt viel Trinkgeld kassierte. Wir lernen: Entertainment lohnt in Amerika.
Wir Glückskinder – die gesamte Wegstrecke, die wir von Hamburg bis Halifax (Kanada) bisher zurückgelegt haben, haben wir ohne einen Sturm hingekriegt… Nicht mal ein Eisberg stand im Weg. Andy, in seinem jugendlichen Leichtsinn, bedauert das. Bei einer früheren Fahrt mit einem AIDA-Schiff erlebte er obere Windstärken und dementsprechend hohen Wellengang sowie - leere Restaurants. Den Passagieren stand bei Sturm der Sinn nach allem, nur nicht nach Essen… Andy hatte es den Appetit nicht verschlagen. Meistens spielt er nur den Coolen…
Gegen sieben Uhr morgens lief die AIDAluna im Hafen von Halifax ein. Hinter uns machte noch ein riesiges Passagierschiff aus Holland fest. Ein Kontakt mit den Passagieren ergab sich nicht. Dagegen standen ein Trommler und ein Dudelsack-Pfeifer im Schottenrock am Steg, um uns zu begrüßen. Nett.
Rund 10.000 Küstenkilometer hat die Provinz Neuschottland im äußersten Osten Kanadas zu bieten. Ihre Hauptstadt und gleichzeitig älteste Stadt des Landes, dessen erste Bewohner die M’kmaq-Indiander waren, ist das 375.000 Einwohner zählende Halifax. Die Metropole ist, wie ich den Hafeninfos entnehme, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum der Provinz und liegt näher an Europa als jede andere Stadt Nordamerikas südlich Neufundlands. Das 1749 gegründete Halifax verdankt seinen Namen nicht ihrem Gründer - Colonel Edward Cornwallis -, sondern einem britischen Lord, der zugleich Handelsminister war. Die neue Stadt sollte die Macht Englands auf dem amerikanischen Kontinent untermauern und gleichzeitig Gegenpol zum französisch beherrschten Louisbourg auf Cape Breton sein. Als Zeugnis ihrer Bedeutung hat die Festung auf dem Citadel Hill die Jahrhundertwende überdauert. Seit 1956 gehört der Citadel Hill – von dem aus kein Kanonenschuss abgefeuert wurde - zu den sogenannten Historic Sites. Unser Zeitbudget für diesen Landgang von knapp sechs Stunden reichte (wieder einmal) nicht aus, um diese imposante Festung zu besuchen.
In Halifax hatten wir nur einen Programm-Punkt - den Fairview Lawn Friedhof -, und den absolvierten wir auf unserer Fahrt durch Neuschottland in der Manier japanischer Touristen – raus aus dem Wagen, drei, vier Fotos und weiter gehts… Wohl kaum eine andere Stadt hat eine emotionalere Bindung zur „Titanic“-Katastrophe am 15. April 1912 als Halifax. Denn für 150 der Passagiere endete die unheilvolle Reise genau hier. Sie fanden ihre letzte Ruhe auf dem Fairview Lawn Friedhof, der mitten in der Stadt liegt, was nicht immer der Fall war. Drei Schiffe wurden in jener tragischen Nacht von Halifax hinaus geschickt, Opfer aus der eisigen See zu bergen. Grabsteine sind heute letzte Zeugen dieser denkwürdigsten Schiffskatastrophe der Moderne. Leonardo di Caprio hat übrigens für seine Rolle in der „Titanic“-Verfilmung den Namen eines Opfers adaptiert, das in Halifax begraben liegt: Jack Dawson, er ist auf dem Friedhof die Nummer 227…
Auch wenn wir nur eine Viertelstunde auf dem Friedhof verbringen konnten, so war es doch mehr als nur ein schlichter Fototermin, sondern ein bewegender Moment. Im Maritimen Museum, das wir (leider) auch nicht besuchen konnten, sind neben Gegenständen aus dem Wrack der „Titanic“ auch Dokumentationen der größten Katastrophe, die Halifax jemals erschütterte, zu finden. Die „Halifax Explosion“ ist sogar als die schlimmste nichtatomare Explosion aller Zeiten in die Geschichte eingegangen. What happened? Im Dezember 1917 stießen im Hafen ein belgisches Versorgungsschiff und ein französisches Munitionsschiff zusammen. Mehr als 2000 Menschen starben, nachdem die Schiffe explodierten, 9000 Menschen wurden verletzt, große Teile der Stadt wurden zerstört. Noch 80 Kilometer entfernt gingen Scheiben zu Bruch…
Aber das war nicht die letzte Katastrophe, die sich in der Area Halifax ereignete. Ganz nahe der Stadt stürzte am 2. September 1998 eine Linienmaschine der Swiss Air ins Meer. Bei Peggy’s Cove, dem 250 Jahre alten pittoresken Fischerdorf – und unserem zweiten Programmpunkt -, erinnert ein Mahnmal an das furchtbare Unglück, bei dem 211 Menschen starben.
Peggy’s Cove – der Weg dorthin führt auf der so genannten romantischen Leuchtturmroute durch das typische Kanada. Wälder, Seen, große weitläufige Grundstücke, wunderschöne Holzhäuser und davor riesige Autos… Schon die Fahrt dorthin ist ein Augenfest. In Peggy’s Cove – der Name geht auf den Namen der Frau eines der ersten Siedler zurück – steht der berühmteste Leuchtturm Kanadas. Der weiße Turm an der St. Margret’s Bay thront mit seiner roten Kuppe auf einem 400 Millionen Jahre alten Granitfelsen. In dem historischen Leuchtturm ist heute ein Postamt untergebracht. Das Ambiente gewaltiger Felsformationen, die die Eiszeit vor 100.000 Jahren herangerollt hat, im Kontrast zu den bunten Fischerhäusern am Hafen – das hat schon Eindruck gemacht und viele Fotos hergegeben. Auf eine Postkarte mit Extra-Leuchtturm-Stempel haben wir dann doch verzichtet. Karte und Briefmarke hätten mehr als vier kanadische Dollar gekostet… Auch auf einen Mittagstisch mit Hauptgang Lobster (Hummer), der an der Küste von Peggy’s Cove gefangen wird, haben wir verzichtet, allerdings aus Zeitgründen. Dafür haben wir eine kurze Einführung in das Thema Lobster erhalten – anhand eines lebenden Objekts…
Die dritte Superlative des Tages – bei sonnigem, spätsommerlichen Wetter - war der Besuch von Lunenburg. Der Kernbereich der einstigen Schiffbauerhochburg, sehenswerte Holzarchitektur aus dem 19. Jahrhundert, gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO. Der Name der Stadt kommt nicht von ungefähr: In Lunenburg waren deutsche und schweizerische Protestanten die ersten Siedler. Vorwiegend Einwanderer aus Lüneburg wollten hier ein neues Leben beginnen. Sie haben perfekte Arbeit geleistet: Lunenburg gilt manchen Zeitgenossen als die schönste Stadt von Kanada. Ich weiß es nicht besser…
Auch unter den 2.500 Pionieren der Gründung von Halifax waren nicht nur Engländer, sondern Deutsche. So mancher Straßenname wie etwa die „Gottingen Straße“ erinnert an die deutschen Wurzeln. Mehr als die Hälfte der Vorfahren der heutigen Bewohner Neuschottlands kam in der Zeit nach 1755 in die neue Welt. Am Pier 21, wo unsere AIDAluna anlegte, gingen in den Jahren 1928 bis 1971 gut eine Millionen Immigranten und Flüchtlinge an Land. Über Geschichte und Schicksale der Einwanderer informiert das Museum „Pier 21 National Historic Site of Canada“… Wir hatten keine Zeit, es zu besuchen. Ach ja: Auf dem Weg nach Lunenburg passierten wir eine andere wunderschöne Kleinstadt, die uns ebenfalls aufgrund ihrer vielen putzigen Holzhäuser und ihrer Lage am Wasser gefallen hat: Mahone Bay. Ein Markt lud zum Einkaufen ein, aber wir mussten verzichten…
Nachdem wir den Mietwagen abgegeben hatten, erreichten wir den Hafen eine halbe Stunde vor der offiziellen Abfahrt des Schiffes. Eine lange Schlange hatte sich vor der AIDAluna gebildet, die kanadischen Zollbeamten kontrollierten freundlich aber übereifrig. Die Abfahrt verzögerte sich dadurch um eine halbe Stunde.
Morgen früh sind wir in Bar Harbor/USA. Es ist der 11. September und Amerika – und die westliche Welt - gedenkt dem Anschlag vor neun Jahren. Ich besuchte New York und die Twin Towers zum ersten Mal 1978. Damals war ich Student. Der Vater eines Freundes war Sicherheitsbeamter, er führte mich durch einen der Tower…. Im Frühjahr 2001 machte ich mit meiner Familie Urlaub in New York, im Sommer dann im Westen Kanadas, anschließend feierten wir meinen runden Geburtstag bei Verwandten in Kalifornien. Wir flogen zwei Tage vor dem Anschlag zurück nach Europa. Umso entsetzter nahmen wir das tödliche Ereignis daheim wahr.
Wieder an Bord der AIDAluna und unterwegs nach Bar Harbor, ein kurzes Gespräch mit Momme Jantz. Er betreibt die Galerie auf dem Schiff und moderiert die nachmittäglichen Kunst-Auktionen im Theatrium. Mir fiel auf, dass auf der AIDAluna nicht nur Designer gearbeitet haben, sondern auch Künstler. Es hängen in den Restaurants, aber auch in den Kabinen sehr viele Bilder, allesamt Originale. Und selbst an den Wänden gibt es Malerei sozusagen Kunst am Bau. Jantz, der im Vorleben als Schauspieler gearbeitet hat und der Kunstkommission des Kreuzfahrtunternehmens AIDA angehört, bestätigte meine Beobachtung. Neben etablierten Leuten wie dem US-Amerikaner James Rizzi, der am offenkundigsten eine betont fröhliche Botschaft in seinen Bildern verfolgt und somit der Philosophie der Kussmundflotte sehr entgegen kommt, gehören auch etwas sperrige Nachwuchskünstler aus Berlin, Dresden und Hamburg zur engeren Wahl. Kunst auf den Schiffen der Rostocker Flotte gibt es seit der AIDAdiva. Auf meine Frage hin, wieviel Jantz denn während einer Kreuzfahrt umsetzt, lächelte der Galerist und Auktionator milde… Ich hätte an seiner Stelle auch nicht geantwortet…
Abends eine mittelprächtige Beatles-Show („Come together“) der AIDAluna-Company im Theatrium. Als ich bei dem einen oder anderen Song mitsinge, dreht sich Anja, die vor mir saß, um. Ich hörte sofort auf. - Heute Nacht stellen wir wieder die Uhr um: Dann haben wir sechs Stunde Zeitgewinn gegenüber der Heimat. Ein auf Zeit beschränkter Gewinn…

Wieder auf See. Südwärts. Immer noch der Küste von Kanada entlang. Morgen erreichen wir Halifax. Dort wartet ein Mietwagen auf uns. Etwa sechs Stunden bleiben uns in Halifax. Wir basteln noch am endgültigen Programm für diese kurze Zeitspanne…
Heute viel Zeit mit Essen (Frühstück), Lesen (Alina Bronskys wunderbares Buch „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“) verbracht, die Damen mit Bauch, Beine Po und Spinning (Radeln nach Musik auf einem Standrad…). Und mit Sauna. Die AIDAluna bietet zwei öffentliche (kostenlose) Saunen, dazu ein Dampfbad. Wir erprobten alles.
Die Saunen erlauben den Blick aufs Meer durch mannshohe Fenster. Das hat schon was. Du guckst nicht - wie gewöhnlich - auf Holzbretter, sondern erlebst einen Film, der nicht aufhören will. Das Meer ist grau heute, es regnet, aber das stört gar nicht. Je länger du diese Wellenlandschaft betrachtest, die Wellen, wie sie buckeln, wie sie zerfließen und immer neue Bilder entstehen, in unendlichen Variationen, desto melancholischer wirst du. Du wehrst dich lange dagegen, bis du dahinter kommst, dass diese Schweinemut vom Wasser ausgeht: Nicht du bist einsam, sondern das Meer. – Versteht das einer?
Anja, mit knapp 18 die jüngste in unserer Konstanzer Sechsergruppe, begleitete meine Frau und mich in die indisch designte Sauna-Oase. Sie fand sich fast ausschließlich zwischen älteren und alten Menschen wieder. Im Silbersee, sozusagen. Was nicht unbedingt für die Passagiere des Schiffs repräsentativ ist. Alter sei Scheiße, meinte Otto Dix nach einem ersten Schlaganfall, der eine Seite seines Körpers lähmte und ihn bei der künstlerischen Arbeit behinderte. Aber nicht nur nackte, vom Alter gezeichnete Körper zogen Blicke auf sich und erzeugten Ängste – der Verfall, das kommt, ob du willst oder nicht, auch auf dich zu. In der Aroma-Sauna guckst du auf eine Frau (auch wenn du nicht gucken willst), etwa Mitte Vierzig, mit amputierter linker Brust. Das erwartest du nicht, wenn du die Glastüre öffnest und eintrittst. Nicht hier. Kein Handtuch, keine Hände, die diese Leere auf der linken Hälfte des Körpers schützen. Ein erschütterndes Bild. Du rufst dir ihr Leid in Erinnerung. Du dichtest was her. Das Bild, kein hässliches, führt die fröhliche Sauna-Oase in die Wirklichkeit zurück. Du denkst: Eine davon Gekommene, wenngleich eine Gezeichnete.
Als Student las ich Solschenizyns Lagerbericht „Ein Tag im Leben des Iwan D.“. Darin schildert der russische Nobelpreisträger den Fall einer an Krebs erkrankten Frau, die um den Verlust ihrer Brust trauert. Auch von Benn gibt es frühe Lyrik, die um das Thema Krebs kreist. Viel später, ich war schon Redakteur, lernte ich eine Künstlerin kennen, Richild von Holt, die in einer Aufsehen erregenden Serie ihre Amputations-Geschichte niedermalte. Auch eine Überlebensformel. Eindrucksvoll. Mit eigenen Augen habe ich diesen brutalen Eingriff in den Körper bisher noch nicht gesehen.
Es ist also nicht alles Spaß. Nicht einmal auf einem Gute-Laune-Dampfer wie der AIDAluna. Und man muss kein eingefleischter Zweifler sein, um nachdenklich - oder sogar zynisch zu werden. Da fällt einem im Restaurant fast die Gabel aus der Hand, wenn am Nachbartisch ein Zweizentner-Kerl seine um einen weitren Zentner überlegene Partnerin aus seinem übervollen Teller füttert… Liebe geht durch den Magen? Hier geht’s eher um Fettsucht. Ein Fall für den Therapeuten.
Leichtere Fälle sind diese Passagiere, die die Öffnungszeiten der Restaurants nicht abwarten können und vor den verschlossenen Türen auf Treppen Schlange stehen… Dabei gibt es (mindestens) vier Mahlzeiten am Tag. Flatrate. Die Pizzeria ist beinahe rund um die Uhr geöffnet… Den Sturm auf die Restaurants, als sei Schlussverkauf angesagt, habe ich so zum ersten Mal im Frühjahr in Belek in der Türkei erlebt. Dorthin wurde unsere Reisegruppe Kappadokien verfrachtet, weil dieser isländische Vulkan mit dem unaussprechlichen Namen E… den Rückflug nach Deutschland vermasselte. Das hat etwas von Armseligkeit. Und das bei dem Überfluss, den die Büffets hier bieten. Ich möchte nicht wissen, wie viel Tonnen Lebensmittel in der vorbildlichen Verwertungsanlage des Schiffes landen…
Dass ich mich auf diese Reise, die wir im vergangenen Jahr gebucht haben, vorbereitet hätte, kann ich nicht sagen. Andere Dinge schoben sich mit ihrer angeblichen Wichtigkeit dazwischen. Aber da ich noch nie eine solche große Schiffsreise gemacht hatte, habe ich Beiträge in Magazinen, in Zeitschriften und Zeitungen gelesen, die den Versuch unternahmen, das „Wesen der Kreuzfahrt“ zu ergründen. Ich gebe zu: Ich bin hinter dieses Wesen bisher nicht gekommen.
Am nachhaltigsten ist mir der Essay von Ilja Trojanow über eine Kreuzfahrt im asiatischen Raum in Erinnerung geblieben, den er für die Sonntagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geschrieben hatte. Trojanow ist ein vielgereister Autor („Der Weltensammler“), aber kein Reisejournalist. Und – eben – ein eingefleischter Zweifler. Seine Beobachtungen in dem besagten Essay gelten nicht der Beschreibung der Landgänge, sondern den Menschen auf dem Schiff und ihren Reaktionen auf das Erlebte. Er hat überdeutlich Sympathie für diejenigen Zeitgenossen, die ihre zynischen Züge nicht (mehr) im Zaun halten können. Er zitiert deren Anwürfe mit großer Lust. Und gleichzeitig macht er sie zu Karikaturen – ein Schriftsteller darf das. Man liest das alles gerne, viel lieber als Lobeshymnen. Das liegt wohl in der Natur von uns Menschen, wir lachen gerne über andere…. (Ein anderes Beispiel: Reich-Ranicki hat neben anderen Büchern zwei Bände mit seinen Kritiken veröffentlicht. „Lauter Lobe“ und „Lauter Verrisse“. Auf den „Loben“ blieben die Buchhändler sitzen.)
So erzählt Trojanow folgende Anekdote, die er auf dem Schiff erzählt bekam und an der sich alle Reisenden ergötzten, wie er notiert: Eine feine Dame erhält die Einladung, am Kapitänstisch zu dinieren. Das ist eine Ehre, die vor allem Suitengästen, Weltreisenden und Stammkunden zuteil wird. (Keine Ahnung, ob das auch für die Kussmundflotte gilt.) Die Dame verspeist das gesamte Menü, während sie dabei eifrig parliert. Nach dem Dessert öffnet sie ihre Handtasche und erbricht sich darin, wischt sich drauf fein säuberlich den Mund ab und bemerkt sehr gefasst: „Es muss wohl an dem Erdbeertörtchen gelegen haben…“.
Einen Satz Trojanows habe ich mir herausgeschrieben. Der hat was, allerdings auch eine Unbestimmtheit, die mich rätseln lässt: „Alles ist vorbestimmt – das Kreuzfahrtschiff ist eine dahintreibende Illustrierung einschlägiger Theologien“. Er schreibt „Theologien“ und nicht „Ideologien“. Das ist die Nuss, die noch zu knacken wäre…
Und das Wesen der Kreuzfahrt? Kenne ich nicht. Vermutlich unterscheiden sich die Kreuzfahrer nicht von allen anderen Urlaubern – die einen beziehen ein Hotel am Meer, die anderen ein schwimmendes Hotel auf dem Meer. Wir reisen ja längst nicht mehr wie zu Goethes Zeiten, der erlebnishungrig Italien vor Augen hatte, auf dem Weg dorthin zig Tagebücher füllte, auf Menschen mit Kultur traf und - zurück in Weimar - noch viel zu erzählen und zu schreiben hatte…
Der Kulturphilosoph Ryszard Kapuscinski, den Trojanow natürlich kennt, beobachtet eine neue Form des Tourismus, betrieben von Einzelnen, Paaren und auch Gruppen. Diese reisen um des Reisens willen, schreibt er, wobei es ihnen nur darum geht, unterwegs zu sein, sich anderswo aufzuhalten – ohne genaueres Ziel. Diese neuen Touristen wollen niemand kennenlernen, sie wollen nichts erfahren, sie wollen einfach irgendwo sein, das genügt ihnen… Ist es vielleicht das?
Um 19 Uhr Abendessen im Bella Vista auf Deck 10 mit unseren Freunden. Das ist in einer knappen Stunde. Da ist der erste Hype vorbei. Danach “Abba”-Festival im Theatrium. Und so treiben wir denn dahin…
In der Neuen Welt… Um 11 Uhr legten wir in St. John’s an, um 12 Uhr betraten wir auf Neufundland kanadischen Boden. Für Gaby, Rainer und Anja eine Premiere. Sie waren schon an vielen Plätzen in der Welt, aber noch nie in Nordamerika. Ein erhabener Moment. Den Boden küssten sie nicht… Am Naturhafen von St. John’s wurden wir landestypisch von einem Neufundländer und einem Labrador begrüßt. Die Hunde ließen sich geduldig streicheln. Eine der Hundeführerin erzählte, dass der Neufundländer im deutschen Saarbrücken geboren wurde… Ach Gott…
St. John’s auf der Halbinsel Avalon, die Hauptstadt der jüngsten Provinz Kanadas, gilt als erste und älteste Stadt der Neuen Welt. Schon 1497 segelte John Cabot, ein italienischer Seefahrer und Entdecker im Dienste der englischen Krone, in die schmale Hafeneinfart ein. Insgesamt umfasst die gesamte Provinz eine Fläche von rund 405.000 Quadratkilometer und zählt etwa 500.000 Einwohner; 180.000 davon leben in der Hauptstadt.
Dass Cabot ausgerechnet hier an Land ging, wundert wenig. Schließlich ist man ja Europa so nahe wie nirgendwo sonst in Nordamerika. Das wenige Kilometer südlich von St. John’s gelegene Cape Spear ist nämlich der östlichste Punkt des Kontinents. Zwar sind die architektonischen Zeugen der frühen Besiedlung der Stadt in mehreren fürchterlichen Bränden zerstört worden, der historische Kern mit den pastellfarbenen Holzhäusern hat sich dennoch seinen viktorianischen Charakter bewahrt. Leider sind die Häuser inzwischen etwas heruntergekommen. Offenbar gibt es auch kein besonderes Bewusstsein für diese Relikte einer vergangenen Zeit. Als ich von einem kanadischen Polizisten, der gemeinsam mit seinen Kollegen an der AIDAluna patroullierte, den Weg zum „old town“ wissen wollte, verstand er meine Frage nicht…
Ganze sechs Stunden hatten wir Zeit, um St. John’s zu erkunden. Nicht eben viel, aber genug für einige Impressionen. Wir setzten uns drei Ziele: den Signal Hill Nationalpark, das Fischerdorf Quidi Vidi, eines der am meisten fotografierten Beauties in Neufundland, wie die Hafeninfos verrieten, und einen Rundgang durch das „alte“ St. John’s.
Mit der Signal Hill Historic Site befindet sich der zweigrößte historische Nationalpark Kandas im Stadtgebiet von St. John’s. Von hier aus hat man einen wunderbaren Panoramablick auf den Hafen und die Stadt mit ihren terrassenartig angelegten Straßen. Knapp 200 Meter erhebt sich die Kuppe über dem Meer, sodass hier auch der ideale Punkt war, mit Signalflaggen die Ankunft von Freund oder Feind anzukündigen. Wie geschichtsträchtig der Ort ist, davon erzählen auf dem Weg etliche Informationstafeln, zudem gibt es ein großes Info-Center auf dem Areal. Im Jahre 1762 wurde auf dem Signal Hill die letzte Schlacht des siebenjährigen Krieges zwischen Engländern und Franzosen auf nordamerikanischem Gebiet ausgetragen. Zum Wahrzeichen Kanadas ist der 1897 auf dem Berg erbaute Cabot Tower geworden. Er wurde zum 400. Geburtstag der Entdeckung Neufundlands errichtet. In die Geschichte ist der Turm eingegangen, als der englische Phsyiker Guglielomo Marconi hier 1901 das erste transatlantische Telefonsignal empfing. Im Turm gibt es neben einem Souvenirladen einen kleinen Ausstellungsraum, in dem an die Anfänge der Telekommunikation erinnert wird.
Auf dem Weg zur Kuppe passierten wir übrigens das Johnson Geo Centre. Leider hatten wir dafür keine Zeit. Das Museum ist in einen 550 Millionen alten Felsen hineingebaut worden. Aus gutem Grund: Hier erlebt man eine faszinierende Reise in die geologische Geschichte der Erde.
Vom Signal Hill aus wanderten wir bei regnerischem Wetter – die Durchschnittstemperatur in Neufundland liegt bei 10 Grad - in das nahe Fischerdorf Quidi Vidi. Auf dem Trampelpfad immer entlang der Küste gibt es viele Blaubeer-Sträucher, die wir genüsslich plünderten. Quidi Vidi wurde um 1700 gegründet und es fasziniert vor allem mit seinen bunten Häusern in den leuchtendsten Farben. Vom Fischfang haben wir allerdings nichts mitgekriegt. In der ehemaligen Fischfabrik des Ortes hat sich eine private Brauerei etabliert. Und natürlich haben wir ein Sixpack „Traditional Ale“ erstanden. Das Bier („Aroma: Sweet malt, hop overtones“) erhielt schon 1892 bei den World Beer Championships eine Bronze-Medaille… Ich verstehe wenig von Bier, aber es hat mir geschmeckt…
Von Quidi Vidi aus marschierten wir nach St. John`s zurück zum Schiff, vorbei an schmucken Holzhäusern, vor denen zumeist dicke Schlitten (Autos) standen, um dann noch einmal das Zentrum aufzusuchen. Einige Steinhäuser, rot gewandet, erinnerten mich stark an Bilder des Stadtmelancholikers Edward Hopper. Wir flanierten die Mainroad entlang, aber spektakulär war das nicht. In der Parallelstraße stießen wir dann auf einige Bars und Restaurants, das Rotlicht-Viertel von St. John’s. St. Pauli ist aufregender…
Das Auslaufen am Abend war nett. AIDA verabschiedete sich nicht wie üblich mit drei, sondern mit ganz vielen Huptönen. Das sah eine (postmoderne) Komposition eines hiesigen Musikers vor. Schön war, dass auch einige Einwohner der Stadt den Weg zum Hafen fanden, uns zuwinkten und mit Auto- und Lichthupen Tschüss sagten. Von einem Haus am Hang wurden sogar Leuchtraketen abgeschossen…
Morgen ist reiner Seetag. Wir sind auf dem Weg nach Halifax. Dort – und nicht in St. John’s, wie ich geschrieben habe – ist der Friedhof, auf dem Opfer der „Titanic“-Katastrophe begraben liegen. Am Cape Race im Süden von Neufundland wurden 1912 nur die Notrufe des sinkenden Schiffs empfangen und weitergeleitet. Wir wissen: die Hilfe kam zu spät. Am Cape Race imponiert ein mächtiger Leuchtturm aus dem Jahre 1856 mit seiner 20 Tonnen schweren Reflexionslinse, las ich in den Hafeninfos. Auch den haben wir nicht besuchen können. Es scheint so, dass die Liste der sehenswerten Sehenswürdigkeiten immer länger wird. Das alles reicht bald für zwei Leben…
Thema Leute: Andy hatte gestern Abend bei einem Nagelspiel mitgemacht. Wer von den Teilnehmern daneben klopft, muss den anderen Beteiligten eine Runde Schnaps ausgeben. Andys Fehlschlag kostete ihm 20 Euro. Schlimmer erging es dem Gatten von unserem Topmodel aus Rostock: Der musste für seine Fehlschläge 130 Euro berappen, bis alle Schnäpse bezahlt waren. Franziska was’nt amused, berichten Augenzeugen…
Mare, nichts als Meer, nichts als Wasser. Dennoch: Keine Langeweile. Ich guck mir die Augen wund am Spiel der Wellen, beim Blick in die Weite. Und immer ist das die Hoffnung, eine Walfischflosse zu entdecken. Aber Fehlanzeige. Von den diversen Walarten, die rund um Grönland beheimatet sind, haben wir nur die elenden Reste eines Tieres auf dem Fischmarkt in Qaqortoq gesehen - und gerochen, sehr intensiv und sehr blutig das Ganze. Und von den zwei Millionen Robben, die angeblich auf der Insel leben, haben wir nicht eine einzige gesehen. Komisches Versteckspiel… Gekochtes Robbenfleisch mit Zwiebeln und Kartoffeln gehört zu den traditionellen Speisen der Grönländer. Sie nennen das Gericht „Suasaat“. Ordentlich gepfeffert und geschickt gesalzen soll es ein interessantes Erlebnis für den Gaumen sein.
Na ja. Als Sohn einer Kartoffelesserin bleibe ich dennoch lieber bei den kulinarischen Angeboten der insgesamt sieben Restaurants der AIDAluna. Da gibt es zwar auch „Weltküche“, aber sie ist unserem (mitteleuropäisch trainierten) Gaumen angepasst. Auf den Schiffen dieser Linie hat übrigens jeder Passagier freie Restaurant- und Tischwahl. Es gibt andere Kreuzfahrtunternehmen, so hörte ich, die ihren Gästen Tische zuweisen. Da hocken die dann morgens, mittags, nachmittags und abends mit den immer gleichen Gesichtern zusammen. Das ist bei AIDA anders: Man geht in das Restaurant seiner Wahl und setzt sich dorthin, wo frei ist. Es gibt Tische von 4 Personen bis 10 Personen. Das ist eine gute Chance, Menschen kennen zu lernen und sei es nur für die Dauer einer Mahlzeit. Dass man sich dabei näher kommt, das zu behaupten wäre übertrieben. Aber bei der nächsten Liftfahrt grüßt man sich ganz anders, wenn man gemeinsam am Tisch saß und sich vielleicht auch nur angeschwiegen hat. Wenigstens ist das eine Erfahrung, die wir sechs Konstanzer bisher gemacht haben.
Es gibt einige wenige reservierte Tische in den Restaurants. Sie sind zu allen Mahlzeiten die ersten 30 Minuten ausschließlich Gästen mit Rollstuhl und ihren Begleitpersonen vorbehalten. Bleiben diese Tische nach dieser Zeit unbesetzt, stehen sie wieder allen Gästen zur Verfügung. Eine lobenswerte Geste. Wir haben aber die Beobachtung gemacht, dass die (fünf oder sechs) Rollstuhlfahrer auf der AIDAluna und ihre Begleitpersonen die reservierten Tisch links liegen lassen und an den ganz „normalen“ Tischen sitzen – der Gespräche wegen, nehme ich mal an, der immer neuen Gesichter. Und wenn Landausflüge angesagt sind, dann hat die Crew auch ein besonderes Auge für die Rollstuhlfahrer, sie haben Priorität beim Aus- und Einstieg – und das ist auch für die anderen Passagiere selbstverständlich.
Heute war Fußball angesagt, Deutschland gegen Aserbaidschan. Aber mitten auf dem Atlantik gibt es (plötzlich) kein Signal. Nicht einmal CNN ist zu kriegen. Keiner weiß so recht warum. Andy ist stinkesauer. Schon das Spiel gegen Belgien wurde nicht übertragen. Ich traf ihn beim Joggen auf dem Oberdeck. Seine Stimmung ist auf dem Nullpunkt. Ich verstehe ihn gut. Er spielt selber begeistert Fußball… Ich habe auf dem Sundeck eine knappe Dreiviertelstunde gekämpft, gegen meine schmerzenden Waden und gegen den heftigen Wind (bei Sonnenschein). Ein paar Mal die Vorstellung, der Wind trägt mich ins Meer… Trotz Schmerzen und körperlicher Anstrengung erlebe ich das Laufen im Kreis als großes Geschenk, ja als Glücksmoment. Wenn ich wieder in Konstanz bin und meine bescheidenen Runden im Mainau-Wald drehen werde, werden mich diese ozeanischen Gefühle noch begleiten…
Also habe ich gelesen, Michel Köhlmeiers Roman „Madalyn“ beendet. Kein wirkliches Lektüreerlebnis, diese Schul- und Liebesgeschichte von Madalyn und Moritz, die in Wien spielt. Ein pubertärer Stoff, Zielgruppe: Kids ab 14 Jahren. Wie es dieser auch formal und sprachlich durchschnittliche Titel auf die Longlist „Roman des Jahres“ des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels gebracht hat, ist mir ein Rätsel. Das nächste Buch, das ich mir vornehmen werde, das ebenfalls auf der Longlist ist, stammt von Alina Bronsky: „Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche“. Die junge Autorin wird voraussichtlich bei der Singener „Erzählzeit“ im Frühjahr 2011 lesen. Als Mitglied der „Erzählzeit“-Jury hatte ich Bronsky vorgeschlagen…
Eigentlich wollten wir heute Sauna machen. Überhaupt: mal den Wellnessbereich testen… – bisher haben wir nur mal reingeschnüffelt. Aber dann haben wirs dann doch irgendwie verpennt….
Im Wellnessbereich findet sich auf 2.300 Quadratmetern so ziemlich alles, was Körper und Geist verwöhnen soll. Das Body & Soul Spa – ja, so heißt das – entführt seine Besucher in die Welt eines farbenprächtigen indischen Tempels. Sinnlich-kräftige Farben, florale Muster und Intarsien in den vierzehn Behandlungskabinen, indische Skulpturen und edles Tuch an den Wänden bestimmen das Design. Eine Spa Suite mit eigener Sauna, beheizter Wasserbett-Liegewiese, spezieller Wellnesswanne und separatem Balkon lädt Paare bei Champagner und Canapés zum individuellen Wellnesserlebnis mit Meerblick ein… Nein, nach dem Preis habe ich nicht gefragt… Den Blick zum Horizont schweifen lassen können aber auch die Besucher der (kostenlosen) Saunalandschaft, die sich durch große Panoramascheiben zum Meer öffnet. Gleich nebenan, in der Massage Suite, kann sich der Gast (natürlich auch der männliche) von einem indischen Therapeuten mit einem ayuvedischen Königsguss verwöhnen lassen. Die als Dschungel gestaltete Palmenlandschaft der Wellness Oase ist räumlicher Mittelpunkt des Spa-Bereiches. Die mit Elefanten-Skulpturen geschmückte Oase bietet mit Riesen-Whirlpool, Ruheinseln und einer Erlebnisdusche (!) Entspannung pur… Der Clou des Ganzen: Das Dach des gläsernen Patio, das die Oase überspannt, kann bei schönem Wetter geöffnet werden…
Wie man da herauskommt? Gut erholt oder gestresst von soviel Erholung? - Wir wissen es nicht, wie gesagt, wir wurden noch nicht aktiv. Aber wir sind ja noch ein paar Tage an Bord…
Morgen legen wir in St. Johns an, Neufundland. Und Fußball: Deutschland – Aserbaidschan 6:1. Gut so.
Eine ruhige Nacht auf See. Am frühen Morgen setzte die AIDAluna den Anker vor Qaqortoq. Der Himmel blau, das Wasser ruhig. Wir Glücklichen. Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg zum Deck 3. Von hier aus brachten die Tenderboote die Gäste der AIDAluna sicher aufs Festland - genauer: nach Grönland.
Qaqortoq, mit dänischem Namen Julianehab, erstreckt sich auf 8.500 Quadratmetern im Süden, dort, wo Grönland zumindest in den Sommermonaten auftaut. Nirgendwo ist die zu 85 Prozent mit Eis bedeckte Insel – Grönland ist die größte der Welt - so grün und so fruchtbar wie hier an der von Fjorden eingeschnittenen und von schroffen Bergen geschützten Südküste. 3.500 Einwohner machen Qarqotoq nicht nur zur größten Stadt Südgrönlands. Sie leben überwiegend im Zentrum, das wir besichtigen, aber auch verstreut in kleinen Siedlungen oder auf den dreizehn Schaf- und zwei Rentierfarmen, die ebenfalls zum Ort gehören, wie ich den „Hafeninfos“ entnehmen kann.
Ein Wort zu den „Hafeninfos“ und zur „Infomationspolitik“ auf der AIDAluna: Über einen Mangel an Informationen, darf sich der Gast nicht beschweren. Hier arbeitet die Crew professionell. Zu jedem Landgang gibt es die „Hafeninfos“, die die wichtigsten Daten über Land und Leute enthalten. Es gibt die tägliche Info „AIDA HEUTE“, in der das gesamte Programm auf dem Schiff (Kunst-Auktion, Show-Programm, Sportaktivitäten etc.). Außerdem gibt es täglich eine kleine Zeitung, in der das wichtigste aus der Welt und aus Deutschland steht. Aber damit nicht genug: Es gibt an Bord Internet und Fernsehen mit einem Dutzend deutschsprachiger Sender – leider konnten wir das Spiel Belgien gegen Deutschland nicht sehen, weil wir keinen Empfang hatten, morgen gibt es das zweite Spiel der deutschen Mannschaft gegen das Vogts-Team, hoffentlich klappt es mit dem Empfang in Neufundland… Dazu gibt es drei AIDAluna-Sender, die über die vielen Ereignisse an Bord berichten bzw. in gut gemachten Dokus auf die Landgänge vorbereiten. Dazu gibt es eine Rezeption, die 24 Stunden am Tag besetzt ist…
„Die Weiße“ – so lautet die Übersetzung des grönländischen Namens Qaqortoq – ist wegen ihrer vielen bunten auf Beton gebauten Holzhäuser durchaus eine farbige Stadt. Die Farben strahlen im Sonnenlicht umso schöner. Im Übrigen wächst die Temperatur noch während des Vormittags auf 23 Grad Celsius – nichts desto trotz schwimmt am Meereshorizont einen riesiger Eisberg, später kommen wir ihm mit der AIDAluna näher, er hat geschätzte 50 Meter Höhe und mindestens 500 Breite. Es ist warm in Qaqortoq. Wir entledigen uns der Anoraks und der Pullover, laufen in T-Shirt durch die Kleinstadt und auf den Hügel, der eine wunderbare Sicht auf die Bucht ermöglicht, in der unser Schiff liegt.
Geschickt haben die Einheimischen die Gunst der Natur – die natürliche Hafenbucht ist von Hügeln umgeben – genutzt, um ihrer Heimat ein geschlossenes Bild zu verleihen. Die Häuser schmiegen sich wie von leichter Hand in den Hang gebaut für grönländische Verhältnisse dicht aneinander. Das gibt dem Ort eine Kompaktheit, die in den gewöhnlich weit verstreuten Siedlungen Grönlands nur selten zu finden sind. Der Ort entstand im Jahre 1775, als ein Mann namens Anders Olsen bei der Suche nach einem Handelsposten im Süden fündig wurde. In der Geschichte der Insel spielte das heutige Gebiet um Qaqortoq aber schon vorher eine Rolle. Historiker gehen davon aus, dass bereits um 2500 v.Chr. arktische Jäger in kleinen Gruppen die nur 26 Kilometer breite Wasserstraße zwischen Kanada und Grönland überwanden und ihren Fuß auf grönländischen Boden setzten… .
Qaqortoq lebte lange ausschließlich von der Fischerei. Der größte Arbeitgeber ist immer nch eine moderne Fischfabrik. Seit einigen Jahren hat sich der Ort auch als Ausbildungs-, Schul- und Verwaltungszentrum etabliert. Jugendliche kommen aus dem gesamten Oster der Insel hierher, weil sich der gute Ruf der Einrichtungen herumgesprochen hat. Eine immer wichtigere Rolle spielt der Tourismus, für den Qaqortoq an einer speziellen Fachhochschule ausbildet. Ob der junge Inuit, der uns die Ansichtskarte von Qaqortoq verkaufte die Schule besuchte, das wissen wir nicht, aber geschäftstüchtig ist er. Die Karte kostete ein Euro, die Briefmarke dazu noch einmal zwei Euro. Man kann sich seine Tageseinnahme ausrechnen, wenn nur die Hälfte der AIDAluna-Passagiere – also etwa 1000 – bei ihm eine Karte gekauft haben. Sonst gab es nirgendwo ein Geschäft, das Ansichtskarten verkaufte, er hatte sozusagen das Monopol…
Es hatte etwas von einer (friedlichen) Invasion, der Auftritt der AIDA-Passagiere an diesem Vormittag in Qaqortoq. Die Stadtverwaltung hatte eigens die Straße, die zur Anlegestelle der Tenderboote führt, für den Autorverkehr gesperrt. Nur Taxis duften fahren, es gibt derer (immerhin) 18 in Qaqortoq. Und ansonsten gibt es jede Menge Autos in diesem Ort, der einen von Ferne mit einem riesengroßen Ölkessel, der direkt am Wasser liegt, begrüßt.
Und es gibt einige Sehenswürdigkeiten, die man nicht unbedingt erwartet: Auf dem malerischen Marktplatz – hier wird auch Walfischfleisch verkauft, ein Passagier der AIDAluna verkostet sogar ein Stück rohen Speck -, um den sich noch schöne alte Häuser aus der Kolonialzeit gruppieren, findet man den einzigen Springbrunnen Grönlands, den der örtliche Architekt Pavia Hoegh im Jahr 1927 natürlich aus Holz und traditionellem Sandstein aus dem benachbarten Igaliko bauen ließ. Die Inschrift auf dem Rand des Brunnens erinnert an verdiente Männer des Landes und der Stadt. Der Name des Qaqortoq-Gründers Olsen findet sich ebenso wie der von Henrik Lund, dem Komponisten der grönländischen Nationalhymne, und der des großen einheimischen Schriftstellers Knud Rasmussen (ich gebe zu, ich habe von ihm bisher keine Zeile gelesen, aber ich werde nach-lesen…).
Erstaunlich für einen Ort wie Qaqortoq ist auch das öffentliche Kunstprojekt „Stein und Mensch“, an dem sich auf Initiative der hier lebenden Bildhauerin Aka Hoegh zahlreiche Künstlerinnen und Künstler aus Grönland und Skandinavin beteiligen. Inzwischen spannen 30 Skulpturen und Reliefs ein kulturell sympathisches Band zwischen dem traditionellen und dem moderneren Teil des Ortes. Sie sind über das gesamte Stadtgebiet verteilt und geben dem Ort eine spannende ästhetische Note.
Zur Infrastruktur von Qaqortoq gehört auch ein Fußballplatz mit Kunstrasen – Rasen wächst hier naturgemäß weniger gut, vor einigen Häusern entdeckten wir allerdings Blumen- und Gemüsegärten und kleine Treibhäuser. Qaqortoq hat zwei Kirchen, die Erlöserkirche gilt als das prägnanteste Bauwerk der Stadt. 1828 sollte sie gebaut werden, doch das Schiff, das das eigens in Norwegen (!) bestellte Holz bringen sollte, lief vor der Nachbarstadt Paamiut auf Grund und traf deshalb erst mit vierjähriger Verspätung ein. Also konnte das Gotteshaus est 1832 eingeweiht werden. Heute erinnert das Innere der Kirche an den Untergang der „Hans Hertoft“, die am 30. Januar 2959 mit einem Eisberg kollidierte. Damals verloren 95 Menschen ihr Leben. Oberhalb der Stadt steht seit 1973 die Neue Kirche, in der ein Blick auf die schön gestaltete Altarfafel lohnt. Und es gibt noch zwei kleine Museen im Ort, die wir dann aber doch nicht mehr besuchen konnten. Wir mussten zurück zum Schiff, das mit einstündiger Verspätung um 14 Uhr ablegte.
Heute Abend feiern wir Gabys Geburtstag im Steakhouse. Zwischen Grönland und Neufundland sank die „Titanic“. Im kanadischen St. Johns wollen wir den Friedhof besuchen, auf dem viele Opfer der Katastrophe begraben liegen. Aber zunächst steht morgen ein reiner Seetag an… Ich werde wohl wieder meine Runden laufen und – lesen.
Heute gegen 6.30 Uhr der Weckruf: „Eisberg in Sicht“. Tatsächlich schwimmt da, etliche Kilometer vor der berühmten Prins Christian-Sund-Passage, ein Eisberg am Horizont der Backbord- bzw. Kabinenseite. Ein persilweißes Monstrum vor blauem Himmel. Mich erinnerte die Architektur des Eisberges an Runges „Toteninsel“. Als sich eine Wolke vor die Sonne schiebt, verschattet sie den schwimmenden Berg - als hätte jemand das Bühnenlicht ausgeschaltet…
Noch in Reykjavik prognostizierte der Kapitän der AIDAluna für die lange Fahrt nach Grönland Regen, maximale Temperaturen zwischen 12 bis 14 Grad. Schon am Morgen wird er grandios revidiert. Den ganzen Tag über sollte der Himmel sein Blau halten, wir hatten Temperaturen um 24 Grad…
Nach dem Frühstück belagerten wir Gaby, Rainer, Anya und Andy. Unsere Freunde haben eine Kabine mit Balkon. Von dort aus verfolgten wir zunächst das Naturschauspiel mit dem Namen Prins-Cristian-Sund-Passage. Später wechselten wir auf das Sundeck (12.Stock), wir hatten den Eindruck, dass das ganze Schiff auf den Beinen war. Und das hatte einen einzigen Grund: die Passage.
Was wir sahen - von 8 Uhr morgens bis nachmittags gegen 16.30 Uhr, dann verschwand die Kulisse in einem urplötzlich auftretenden Seenebel – verdient das Wort grandios: Gletscher, die ins Meer kalben, kleine Eisberge mit bizarren Formen, schneebeckte bis zu 1600 Meter hohe Gipfel, die so nahe schienen, als ob man sie berühren könnte, Wasserfälle… Noch einmal: Eine traumhafte Kulisse. Wir alle fühlten uns reich beschenkt Selbst „welterfahrene“ Globetrotter unter den Passagieren zeigten sich tief beeindruckt.
Geografisch zählt Grönland zum arktischen Nordamerika, politisch ist die Insel autonomer Bestandteil des Königreiches Dänemark. Kein Wunder, dass hier viele Orte dänische Namen tragen. Christian hießen seit dem 15. Jahrhundert zehn der dänischen Könige. Einer von ihnen gab auch der 131 Kilometer langen, an seiner schmalsten Stelle 450 Meter breien und bis zu 600 Meter tiefen Passage seinen Namen. …
Es gibt eine Ansiedlung im Prinz Christian Sund. Die bunten Häuser stehen auf Felsen in Felsen. Karg die Umgebung, nicht einmal ein Gartenstück. Der kleine Weiher mit vielleicht zwanzig Häusern wird von Inuits bewohnt. Sie leben von Fischfang, wenigstens sahen wir einen größeres Boot. Die AIDA-Leute fischten nicht nur Gletschereis aus dem Meer (das später den Whiskey kühlte), sondern holten auch ein Dutzend der Inuit auf unser Schiff. Das hatte etwas vom Zoo: Die uns fremden Menschen, darunter Kinder, wirkten wie ausgestellte Objekte, als sie singend auf der Bühne des Oberdecks standen. Die Meute der Passagiere fotografierte sie schier zutode… Andererseits hatten die „Eingeborene“ Spaß an dieser Vorstellung, sie genossen die große Aufmerksamkeit, die sie erhielten. Sie winkten auch den Ihrigen fröhlich zu, die die AIDAluna in motorisierten Holzbooten umkreisten und diesen großen Wal mit hochmodernen Digis aufnahmen… Einige der Frauen hatten sich besonders hübsch gemacht. Sie erschienen in farbenfrohen Kleidern…
Es gab bereits im vergangenen Jahr einen ersten Kontakt zwischen Passagieren der AIDAaura und den Inuits. Schon damals sangen sie traditionelle Lieder und zeigten handwerkliche Produkte. Es ist anzunehmen, dass sie für ihren Auftritt ein Geld erhielten. Ich hätte gerne etwas über ihre Lebensverhältnisse erfahren. Aber das war bei dieser Übung nicht möglich. Wir werden morgen, am achten Tag unserer Seereise, noch einmal Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung haben. Um 8 Uhr bereits soll unser Schiff in den Hafen von Qarqortaq einlaufen. Hafen ist gut: Es gibt keinen Hafen für Riesenschiffe der Marke AIDAluna. Daher werden wir – wenn es die Witterung zulässt – mit Tendern an Land gebracht. Einige Jahre zuvor musste ein Schiff des Kreuzfahrtunternehmens AIDA Qarqortag unverrichteter Dinge verlassen, weil sich ein großer Eisberg ankündigte… Wir sind erwartungsfreudig.
Übrigens: I saw her – die Taufpatin der AIDAluna : Franziska Knuppe. Sie bewegte sich auf dem Sundeck und fotografierte die Gletscher ab. Ein fröhlicher, netter und – klar – ein schöner Mensch. Am Abend zuvor wurde sie in der anytime-Bar gesichtet. Sie tanzte - mit der Tochter unserer Freunde, mit Anja. Knuppes Mann hatte keine Lust auf Bewegung… Franziska hat nicht nur Mann und Kind dabei, sondern auch ihre Nanny. Aber ehrlich: das interessiert hier eigentlich niemand. Was gewiss auch Franziska Knuppe so recht ist…
Pünktlich, um 20 Uhr, haben wir gestern Abend Reykjavik, die „nördlichsten Hauptstadt der Welt“, verlassen. Heute habe ich noch einmal nachgelesen, wie die Stadt überhaupt zu ihrem Namen kam. Hier die interessante Geschichte:
Den Sagen aus dem 13. Jahrhundert zufolge warf Ingolfur Arnarson, als sein Wikingerschiff Island erreichte, seinen Thron ins Meer, und schwor, fortan dort zu leben, wo dieses Möbelstück landen würde…. Andere Länder, andere Sitten… Der Thron wurde in einem Gebiet voller sprühenden Dampfes an die Küste geschwemmt, welches Reykjavik seinen Namen gab: „Dampfende Bucht“. Der Dampf kam von den Thermal-Quellen, die heute jedes Haus in dieser rauchfreien Stadt heizen. Ein Feinstaub-Problem kennt Reykjavik nicht, auh wenn hier viel Autoverkehr zu beobachten ist. Die Abwesenheit jeglicher industrieller Umweltverschmutzung macht die Stadt, wie ich ebenfalls den Hafeninfos der AIDAluna entnehmen konnte, zu einer der saubersten Städte der Welt mit einem Lebensstandard, der seinesgleichen sucht. Das war auch der erste Eindruck, den wir von Reykjavik hatten. Trotzdem: Leben möchte ich hier nicht unbedingt, vielleicht muss man für diese Landschaft und für dieses Wetter geboren sein? Gar nicht zu denken an die langen und dunklen Winter, das Alkohol die Verzweiflung darüber etwas (und scheinbar) mildert, ist auf Island gut bekannt. Bei unserer ersten kleinen Tour durch Reykjavik ließ sich ein Betrunkener nur mit Mühe abschütteln, aber er war harmlos…
Wir sind seit der Abfahrt unterwegs nach Grönland; vorher passieren wir die Prinz-Christian Passage, dann sind wir den spektakulären Eisberge zum Greifen nahe. In den Gewässern rund um Grönland tummeln sich zahllosen Walarten, von Zwergwalen bis zu den Giganten der Meere, den Blauwalen. Warten wir ab, ob wir die auch zu sehen bekommen. Außerdem sind hier rund zwei Millionen Robben zu Hause…
Diesen Seetag haben wir mit Lesen (immer noch Köhlmeier), Sport und Meergucken verplant. Ich bin auf dem so genannten Sundeck (12. Stock) meine üblichen Runden gelaufen. Immer im Kreis. 45 Minuten habe ich durchgehalten, obwohl mich meine Waden boykottierten. Rainer und Andy, ebenfalls auf der Bahn, haben mich mehrfach überholt - rasend schnell, für mein Gefühl, wie Hamilton den guten alten Schumacher bei den Formel-1. Aber nicht gewinnen ist das Ziel, sondern der Weg… Anschließend sind Andy und ins Pool auf dem Sonnendeck. Die Außentemperatur lag bei 14 bis 16 Grad Celcius, gefühlt war es viel wärmer. Mehrfach ließ sich die Sonne blicken. Einfach toll. In solchen Momenten fühle ich mich äußerst privilegiert. Und geniere mich gleichzeitig ein wenig dafür…
Thema Leute: Seit Reykjavik soll Franziska Knuppe (und Kind) an Bord sein. Das Top-Modell ist die Taufpatin der AIDAluna. Die Taufe fand im April 2009 mit einem rauschenden Fest in Palma de Mallorca statt. Mehr als 2000 Gäste, darunter prominente Künstler wie der deutsch-amerikanische Violinist David Garrett, Loona aus den Niederlanden und die Gruppe Pur. Unser Mitstreiter Andy hatte einige Tage zuvor mit Knuppes Gefährten an der Bar gestanden und sich mit ihm unterhalten. Dabei erwähnte dieser, dass seine Frau in Reykjavik zusteigen würde.
Es heißt, es bringe Glück, wenn die Taufpatin an Bord ist… Ich habe die Schöne noch nicht gesehen. Aber auch nicht nach ihr gesucht. Man macht auf der AIDAluna keine besonderen Handstände wegen Promis oder superreichen Gästen. Zumindest ist davon im „Schiffs-Alltag“ nichts zu spüren. Die paar Tische, die bisweilen reserviert werden, werden für Geburtstagskinder oder Goldene Hochzeiten reserviert… Daher gibt es auch kein Gerede oder irgendwelche Neidattacken. Die drei kostenpflichtigen Restaurants Steakhouse, Rossini und Sushi-Bar gelten zwar als Rückzugsgebiete, man muss sich anmelden, andererseits stehen sie jedem Gast zur Verfügung.
Dass sich auf der AIDAluna auch Geldadel gerne aufhält, davon darf man ausgehen. (An unserem Tisch saß eine freundliche Dame, die ihre Villa bei Köln nur zum Wäschewechseln betritt, daneben sortiert sie ihre Finanzen… Die nächste Reise führt sie nach Italien, Weihnachten verbringt sie in Indien. Sie habe gut geheiratet, lässt sie uns in ihre Verhältnisse blicken…) Eine Suite auf der AIDAluna kostet ihr Geld. Das übersteigt das Reisebudget selbst von Gut- oder (um mit Guido Westerwelles Edelpartei zu reden) Besserverdienern.
Auch die bestmögliche Gleichbehandlung der Gäste gehört zur Philosophie der Kussmundflotte. Das konnte ich vor einigen Tagen auch den Worten von Club-Direktor Harald Bernberger entnehmen. Wobei: Die Supperreichen sind nicht die eigentliche Zielgruppe des Kreuzfahrtunternehmens, das im deutschsprachigen Raum Marktführer ist. Und nicht alle Menschen sind gleich.
Aber was ich noch unbedingt loswerden wollte, sind einige Gesprächsfetzen mit dem Club-Direktor, die ich bisher nicht referiert habe. Dabei ging es Umwelt-Hightech zum Schutz der Meere. Also um den Bauch des Wals namens AIDAluna… Umweltrelevante Belange fallen zwar in den Aufgabenbereich des Leitenden Ingenieurs, aber der alte Fuchs Bernberger kennt sich auch bei diesem Thema gut aus. Zudem informiert über solche „grünen“ Dinge auch das AIDA-Magazin.
Für eine Landratte wie mich war das neu zu hören, dass zum heutigen Standard der Schiffe ein Recylingcentrum gehört. Ich kann mich an eine Überfahrt mit einer Autofähre von Ancona (Italien) nach Zadar (Jugoslawien) in den 1970er Jahren, da hat die Crew den gesamten Müll einfach ins Meer geworfen. Niemand protestierte… Im Recyclingcentrum der AIDAluna sind allein mehrere Mitarbeiter damit beschäftigt, die Abfälle zu trennen. Hier geht nichts über Bord. Glasflaschen werden geschreddert und in riesige Säcke zur Entsorgung an Land verpackt, Dosen zu kleinen Päckchen gepresst und Restmüll in einem geschlossenen System umweltfreundlich verbrannt. Als Grundsatz gilt so wenig Müll wie möglich zu produzieren, daher werden an Land und auf den Schiffen Produkte bevorzugt, die möglichst wenig Abfall verursachen.
Auch für das während einer Kreuzfahrt anfallende Abwasser gibt es neue Konzepte zur umweltfreundlichen Aufbereitung. Jedes AIDA-Schiff ist mit einer biologischen Kläranlage ausgestattet, deren Reinigungsleistung der einer mehrstufigen Anlage in deutschen Kleinstädten entspricht… Bio-Membranen sorgen zusätzlich für eine nahezu rückstandslose Reinigung. Der nachhaltige Einsatz der Ressource Wasser spielt eine wichtige Rolle. Um weniger zu verbrauchen, wird auf den Schiffen des Unternehmens beispielsweise ein Vakuu-Food-System für Lebensmittelabfälle genutzt, bei dem – anders als bei herkömmlichen Pipelines – Luft statt Wasser als Transportmittel zum Einsatz kommt.
Und last but not least die Dieselmotoren. Die modernen Motoren auf den AIDA-Schiffen zeichnen sich durch eine treibstoffsparende Technologie aus. Der geringere Treibstoffbedarf führt zu niedrigeren Emissionen. Der Verbrauch aller AIDA-Schiffe liegt laut AIDA-Magazin 01.09 weit unter den international üblichen Werten. Im Jahr 2008 konnte er um 7,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr gesenkt werden, wodurch die CO2-Emissionen um den gleichen Wert reduziert wurden. Um Kraftstoff einzusparen, wird mit Unterwasseranstrich aus Silicon verwendet. Diese biozidfreie Alternative zu herkömmlichen Anstrichen hilft nicht nur Reibungsverluste zu reduzieren, sonder bietet auch einen langfristigen Schutz gegen Schiffsbewuchs. Natürlich bringt auch eine ökonomische Fahrweise einen brennstoffminderen Effekt und eine Verringerung von Emissionen. Daher werden Fahrpläne unter Berücksichtigung ökologischer Geschwindigkeiten ständig optimiert…
(Der Nachhaltigkeitsbericht der „Aida cares“, in dem das Unternehmen auf bereits erreichte Ziele und die Herausforderungen der Zukunft blickt, ist im Netz unter www.aida.de/verantwortung abrufbar.)
Hätten Sie das alles gewusst? - Es ist früher Abend auf dem Meer zwischen Island und Grönland. Die Wolken verhängen die See, es regnet wieder, der Wellengang ist erträglich. Bei Kaffe und Kuchen mit unseren Freunden viel Spaß am Tisch gehabt. Es gab sogar eine Schwarzwälder-Kirschtorte im Angebot. Ein Gruß aus der Heimat. Die Torte habe ich mir verkniffen… Ein Stück davon, das heißt mindestens 45 Minuten im Kreis auf dem Oberdeck. Andy hat ein Chip in seinem Laufschuh, der ihm nach oben meldet, wie schnell er läuft, wie viel Kilometer er zurücklegt und was weiß ich noch alles. Andy hat heute etwas mehr als 800 Kalorien beim Laufen auf dem Sundeck verloren… Er hat dabei laut Chip etwas mehr als 800 Kalorien verbraucht. Das hoffe ich auch verloren zu haben… Also etwa ein Stück Schwarzwälder.
Um 19 Uhr Abendessen (in Deutschland ist es dann schon 22 Uhr).